Das altindische Verständnis von Zeit und Raum
ist ein fortlaufendes Feuilleton über die Vorstellungen von Zeit, Lebenszyklen und Raum in der indischen Tradition. Es führt von den großen kosmischen Zeiträumen über die individuellen Phasen unseres Lebens bis zu Jyotish, der vedischen Astrologie, und Vastu, der traditionellen Lehre vom Raum – und geht der Frage nach, was dieses alte Wissen für unser heutiges Leben bedeuten kann.

Wir beginnen mit dem ersten großen Themenbereich: der Zeit. In dieser ersten Folge geht es zunächst um die großen Zeitzyklen und um die verschiedenen Abschnitte des menschlichen Lebens.

Folge 1: Die großen Zyklen des Lebens

Woran erkennen wir, dass Zeit vergeht?

Tag und Nacht wiederholen sich unaufhörlich. Man könnte sich vorstellen, dass dadurch alles andere ebenfalls gleichbliebe – wie in einer Art Paradies, in dem nichts vergeht und nichts sich verändert. Doch so erleben wir die Welt nicht.

Wir beobachten in unserem Leben immer wieder denselben Vorgang: Etwas entsteht, entwickelt sich, erreicht einen Höhepunkt und vergeht wieder. Eine Pflanze keimt, wächst, blüht und verwelkt. Aus ihrem Samen kann eine neue Pflanze entstehen – und der Vorgang beginnt von Neuem.

Auch an uns selbst erkennen wir die Spuren der Zeit, obwohl man als junger Mensch vielleicht einmal überzeugt war, selbst nicht wirklich zu altern.

Ist dies ein schonungsloser, linearer Vorgang? Ein karmisches Gesetz, dem alles Lebendige unterworfen ist?

Oder gibt es andere Möglichkeiten, die Zeit zu betrachten? Müssen wir vielleicht nur etwas genauer hinschauen?

Die großen Zeitzyklen

Die altindischen Weisen betrachteten die Zeit nicht nur als eine gerade Linie. Sie sahen sie als eine Bewegung in großen Zyklen, in denen sich nicht nur die Welt, sondern auch das Bewusstsein des Menschen verändert.

Wie die alten Weisen zu diesen Vorstellungen gelangten, wissen wir heute nicht mehr. Vielleicht durch genaue Beobachtung des Himmels, vielleicht durch jene tiefe Innenschau, für die die Rishis bekannt waren.

Die Vorstellung, dass Wissen auch jenseits des gewöhnlichen Lernens zugänglich sein kann, begegnet uns auch in neuerer Zeit. So berichtete der amerikanische Mystiker Edgar Cayce (1877–1945), in Trance auf die sogenannte Akasha-Chronik zugreifen zu können – eine Art immaterielle Bibliothek des Wissens.

Auch die Vorstellung, dass Wissen an bestimmten Orten bewahrt oder zugänglich sein kann, findet sich in spirituellen Traditionen. Vor allem hohe Berge und Berggipfel gelten dabei als besondere Orte, an denen Menschen mit geschulter Wahrnehmung Zugang zu solchem Wissen finden können – in heutiger Sprache könnte man beinahe sagen: es „downloaden“. Der Kailash in Tibet gilt als einer dieser besonderen Orte.

Nach der Yuga-Lehre bewegt sich die Menschheit durch vier große Zeitalter. Dabei gibt es innerhalb der indischen Tradition unterschiedliche Berechnungen ihrer Dauer.

Die folgende Darstellung orientiert sich an Sri Yukteswar (1855–1936), einem indischen Yogi und vedischen Astrologen. Er beschreibt einen vollständigen Zyklus von 24.000 Jahren, der aus einer absteigenden und einer aufsteigenden Hälfte besteht:

Satya → Treta → Dvapara → Kali → Dvapara → Treta → Satya

Das Satya Yuga mit 4.800 Jahren ist der höchste Punkt. Der Mensch lebt in großer Übereinstimmung mit seiner geistigen Natur.

Darauf folgt das Treta Yuga mit 3.600 Jahren und anschließend das Dvapara Yuga mit 2.400 Jahren. Sie bilden die Stufen zwischen den beiden Polen.

Das Kali Yuga mit 1.200 Jahren ist der tiefste Punkt. Der Mensch ist am weitesten von der Erkenntnis seines wahren Selbst entfernt und stark auf die materielle Welt ausgerichtet. Unwissenheit, Eigennutz, Streit und Konflikte treten stärker in den Vordergrund, während das Bewusstsein für die innere Verbundenheit der Menschen abnimmt.

Doch damit endet die Entwicklung nicht. Nach dem Kali Yuga beginnt der Weg wieder aufwärts: über Dvapara und Treta zurück zum Satya Yuga.

Die Zeit gleicht in diesem Verständnis einer großen Welle: Sie steigt, fällt und steigt erneut.

Nach Sri Yukteswars Berechnung haben wir den tiefsten Punkt dieses großen Zyklus bereits hinter uns. Seit etwa 1700 befinden wir uns im aufsteigenden Dvapara Yuga – einer Zeit, in der das Verständnis für die feineren Kräfte hinter der sichtbaren materiellen Welt allmählich wieder zunimmt.

Dieses Prinzip einer zyklischen oder rhythmischen Zeit begegnet uns in der indischen Lehre jedoch nicht nur in diesen großen Zeiträumen. Wir finden es auch in immer kleineren Rhythmen – bis hinein in unser eigenes Leben.

Vielleicht liegt darin einer der Schlüssel zum Verständnis dieser alten Lehre: Zeit verläuft nicht einfach nur. Sie besitzt einen Rhythmus, und dieser Rhythmus prägt auch die verschiedenen Phasen unseres Lebens.

Die Ashramas – die vier Abschnitte des Lebens

Das Prinzip unterschiedlicher Zeitabschnitte finden wir im Yoga auch im menschlichen Leben wieder. Traditionell wird ein Leben in vier Abschnitte, die vier Ashramas, eingeteilt. Jeder Abschnitt hat seine eigenen Aufgaben und seinen eigenen Sinn.

  1. Brahmacharya – die Zeit des Lernens

Die erste Phase umfasst das Heranwachsen und Lernen. Bis ungefähr in die Mitte der Zwanzigerjahre lernen wir, uns in der Welt zurechtzufinden. Wir gehen zur Schule, machen eine Ausbildung oder studieren und erwerben die Fähigkeiten, die wir für unser späteres Leben brauchen.

Heute gehören dazu auch ganz praktische Dinge: Wie eröffne ich ein Bankkonto? Wie finde ich eine Wohnung? Wie plane ich eine Reise? Wie verdiene und verwalte ich mein eigenes Geld?

Wir lernen die Welt kennen und lernen, uns selbstständig in ihr zu bewegen.

  1. Grihastha – die Zeit der Verantwortung

Dann beginnt die Phase, in der wir Verantwortung übernehmen: für Familie und Partnerschaft, für unsere Arbeit und unseren Lebensunterhalt und für die Menschen, die von uns abhängen.

Wir stehen mitten im Leben. Wir bauen etwas auf, treffen Entscheidungen und tragen als mündige Bürger Verantwortung für unser Handeln.

  1. Vanaprastha – die Zeit der Weitergabe

In der Mitte und zweiten Hälfte des Lebens verändert sich die Aufgabe allmählich. Die Verantwortung reicht nun über das eigene Leben und die eigene Familie hinaus.

Wir verfügen inzwischen über Erfahrung und Wissen. Jetzt können wir etwas davon weitergeben und daran mitwirken, die Gesellschaft in die Zukunft zu führen. Vielleicht begleiten wir jüngere Menschen, engagieren uns für andere oder bringen unsere Erfahrung dort ein, wo sie gebraucht wird.

Es ist die Zeit, in der aus persönlicher Erfahrung langsam Weisheit werden kann.

  1. Sannyasa – die Zeit des Loslassens

Schließlich dürfen wir beginnen loszulassen. Verantwortung kann an die nächste Generation weitergegeben werden. Nicht mehr alles muss aufgebaut, organisiert oder festgehalten werden.

Der Blick kann sich stärker nach innen und zugleich auf das große Ganze richten.

Was bleibt, wenn die äußeren Aufgaben weniger werden? Was trägt uns wirklich? Und was ist unsere Verbindung zu etwas, das größer ist als unser einzelnes Leben?

In der yogischen Tradition ist dies die Zeit, sich zunehmend der inneren Freiheit und schließlich der Befreiung – Moksha – zuzuwenden.

Auch hier begegnet uns also eine Abfolge: lernen, aufbauen, weitergeben und loslassen.

Jede Lebensphase hat ihre eigene Aufgabe. Vielleicht entsteht ein Teil unserer Schwierigkeiten gerade dann, wenn wir versuchen, an einer Phase festzuhalten, deren Zeit eigentlich schon vorüber ist.

Hilfreich kann dabei das Wissen sein, dass wir in solchen Übergängen nicht allein sind. Andere Menschen erleben ähnliche Veränderungen und Herausforderungen. Ihre Erfahrungen können uns Orientierung geben, Mut machen und uns auf unserem eigenen Weg unterstützen.

Bis hierher haben wir allgemeine Rhythmen und Abschnitte der Zeit betrachtet: die großen Yugas und die verschiedenen Phasen eines menschlichen Lebens.

Wenn Zeit individuell wird

Die vier Ashramas beschreiben Lebensabschnitte, die in ihrer grundsätzlichen Abfolge für alle Menschen ähnlich sind: lernen, Verantwortung übernehmen, Erfahrung weitergeben und schließlich loslassen.

Und doch verläuft kein Leben wie das andere. Bestimmte Themen beschäftigen uns eine Zeit lang besonders intensiv, andere treten zurück – und irgendwann verändert sich der Schwerpunkt wieder.

Die vedische Astrologie, Jyotish, beschreibt diesen ganz persönlichen Rhythmus mithilfe der Dashas. Jede Dasha-Phase ist mit einem bestimmten Planeten und seinen Lebensthemen verbunden. Wann eine solche Phase beginnt und wie lange sie dauert, ist individuell.

Die Dashas können uns damit einen neuen Blick auf das eigene Leben eröffnen: Warum beschäftigt mich gerade dieses Thema? Warum verändert sich manches plötzlich, während anderes über Jahre wichtig bleibt? Und welche Aufgabe könnte in der Zeit liegen, in der ich mich gerade befinde?

In der nächsten Folge:

Die Dashas – der individuelle Rhythmus unseres Lebens

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