Die Dashas beschreiben die individuellen planetarischen Zeitabschnitte unseres Lebens. Sie stehen im Mittelpunkt dieses zweiten Beitrags der Reihe „Das altindische Verständnis von Zeit und Raum“ – einem fortlaufenden Feuilleton über die Vorstellungen von Zeit, Lebenszyklen und Raum in der indischen Tradition.

Folge 2: Die Dashas – der individuelle Rhythmus unseres Lebens

Warum gibt es Zeiten, in denen sich plötzlich vieles verändert, während andere Lebensphasen über Jahre von ähnlichen Themen geprägt sind?

Die vedische Astrologie kennt dafür ein faszinierendes Modell: die Dashas. Ein Dasha ist ein Lebensabschnitt, der unter dem besonderen Einfluss eines bestimmten Planeten steht. Auf eine Phase folgt die nächste – und so entsteht ein individueller Rhythmus, der uns durch unser Leben begleitet.

Im sogenannten Vimshottari-Dasha-System dauern diese Planetenphasen unterschiedlich lange. Die Sonnen-Dasha umfasst beispielsweise sechs Jahre, die Mond-Dasha zehn Jahre und die Venus-Dasha zwanzig Jahre.

Dabei ist eine Dasha nicht einfach „gut“ oder „schlecht“. Entscheidend ist, welche Bedeutung der jeweilige Planet im persönlichen Geburtshoroskop hat. Befinden wir uns beispielsweise in einer Mond-Dasha, betrachten wir den Mond genauer: In welchem Zeichen und in welchem Haus steht er? Welche Verbindungen hat er zu anderen Planeten? Daraus ergeben sich Hinweise darauf, welche Lebensthemen während dieser Jahre besonders in den Vordergrund treten können.

Die großen Planetenphasen sind wiederum in Unter-Dashas gegliedert. Dadurch lässt sich der persönliche Lebensrhythmus noch genauer betrachten. Bezieht man zusätzlich die aktuellen Planetenbewegungen, die sogenannten Transite, mit ein, entsteht ein immer differenzierteres Bild.

Jyotish versucht dabei nicht einfach vorherzusagen, was geschehen wird. Es geht vielmehr darum, die Qualität einer bestimmten Zeit zu erkennen. Eine Phase kann beispielsweise berufliche Veränderungen begünstigen, während in einer anderen Beziehungen, Familie, Gesundheit oder die persönliche Entwicklung stärker in den Mittelpunkt rücken.

Die Dashas kann man sich deshalb wie eine individuelle innere Uhr vorstellen. Sie sagen uns nicht, was wir tun müssen – aber sie können zeigen, welche Themen zu einer bestimmten Zeit besondere Aufmerksamkeit verlangen.

Wo beginnt die persönliche Dasha-Folge?

Die Reihenfolge der Dashas ist für alle Menschen gleich. Wir steigen jedoch nicht alle an derselben Stelle in diese Abfolge ein.

Wo unsere persönliche Dasha-Reihe beginnt, wird durch die genaue Position des Mondes bei unserer Geburt bestimmt. Dafür müssen wir einen etwas genaueren Blick auf den Tierkreis werfen.

Die 27 Mondhäuser

Der Zodiak ist in die bekannten zwölf Sternzeichen zu jeweils 30 Grad unterteilt. In der vedischen Astrologie gibt es darüber hinaus eine zweite, feinere Einteilung: die 27 Mondhäuser, die sogenannten Nakshatras.

Jedes dieser Mondhäuser umfasst 13°20′ und besitzt einen eigenen Sanskritnamen, bestimmte Eigenschaften und einen Planetenherrscher. Die Anordnung der zwölf Sternzeichen und der 27 Mondhäuser ist auf der Abbildung zu sehen.

Zodiak mit Sternzeichen und Mondhäusern

Die Dashas beschreiben die individuellen planetarischen Zeitabschnitte unseres Lebens. Sie stehen im Mittelpunkt dieses zweiten Beitrags der Reihe „Das altindische Verständnis von Zeit und Raum“ – einem fortlaufenden Feuilleton über die Vorstellungen von Zeit, Lebenszyklen und Raum in der indischen Tradition.

Ein Beispiel ist Pushya, das achte Mondhaus. Es liegt zwischen 3°20′ und 16°40′ im Krebs. Sein Name lässt sich etwa mit „nährend“, „stärkend“ oder „gedeihen lassen“ übersetzen. Pushya gilt als besonders glückverheißend und wird mit Wachstum, Fürsorge und der Fähigkeit verbunden, etwas zu fördern und zu entwickeln. Sein Planetenherrscher ist Saturn.

Die Mondhäuser geben uns damit eine zusätzliche Ebene der astrologischen Betrachtung. Zwei Menschen können beispielsweise beide den Mond im Krebs haben – und dennoch kann sich ihr Mond unterschiedlich ausdrücken, je nachdem, in welchem Mondhaus er steht.

Jedes Mondhaus ist noch einmal in vier sogenannte Padas unterteilt. Für das Verständnis der Dashas brauchen wir diese feinere Unterteilung an dieser Stelle jedoch nicht.

Entscheidend ist das Mondhaus, in dem sich der Mond bei der Geburt befindet. Dessen Planetenherrscher bestimmt, welche Dasha zu diesem Zeitpunkt läuft. Die genaue Position des Mondes innerhalb des Mondhauses zeigt wiederum, wie viel von dieser Dasha bei der Geburt noch übrig ist.

Steht der Geburtsmond beispielsweise in Pushya, dessen Herrscher Saturn ist, wird der Mensch während einer Saturn-Dasha geboren. Befindet sich der Mond bereits weit hinten in Pushya, ist auch ein entsprechend großer Teil dieser Dasha rechnerisch bereits vergangen.

So erhält jeder Mensch seinen individuellen Einstiegspunkt in die ansonsten festgelegte Folge der Dashas.

Tina Turner – ein Leben in unterschiedlichen Phasen

Wie sich das in einem wirklichen Leben zeigen kann, lässt sich gut am Beispiel von Tina Turner beobachten.

Ihre Geburtszeit ist dokumentiert. Bei ihrer Geburt am 26. November 1939 um 22:10 Uhr in Brownsville, Tennessee, stand der Mond im Mondhaus Rohini, dessen Herrscher der Mond ist. Rohini befindet sich im Zeichen Stier, das bei Tina Turner das elfte Haus bildet – das Haus der Gewinne, des Erfolgs, der Wünsche und der Resonanz durch andere Menschen. Eine interessante Stellung für eine Frau, die später ein Millionenpublikum erreichen sollte.

Da Rohini vom Mond beherrscht wird, wurde Tina Turner während einer Mond-Dasha geboren. Von den insgesamt zehn Jahren dieser Dasha waren bei ihrer Geburt noch knapp sieben Jahre übrig.

Danach folgten die Mars-Dasha mit sieben Jahren, die Rahu-Dasha mit 18 Jahren und die Jupiter-Dasha mit 16 Jahren. Besonders interessant sind ihre Rahu- und Jupiter-Phasen.

Ihre lange Rahu-Dasha von etwa 1953 bis 1971 umfasst den Beginn ihrer Karriere und einen großen Teil ihrer Zeit mit Ike Turner. Rahu steht in ihrem Geburtshoroskop im vierten Haus – dem Bereich von Heimat, Geborgenheit und innerer Sicherheit. Rahu kann für außergewöhnliches Wachstum und das Überschreiten von Grenzen stehen, aber ebenso für Unruhe, Täuschung und Verstrickungen. Die enormen Höhen und Tiefen dieser Jahre spiegeln diese Themen auf bemerkenswerte Weise wider.

Mit der Jupiter-Dasha von 1971 bis 1987 beginnt eine andere Phase. In diese Jahre fallen ihre Trennung und Scheidung, ihr beruflicher Neubeginn und schließlich 1984 der weltweite Solo-Durchbruch mit Private Dancer.

Jupiter steht für Wachstum, Zuversicht, Erkenntnis und Weisheit. Bei Tina Turner befindet er sich im neunten Haus in den Fischen, seinem eigenen Zeichen. Das neunte Haus ist mit Religion, Spiritualität und der Suche nach einem tieferen Sinn verbunden. In seinem eigenen Zeichen kann Jupiter seine Qualitäten besonders deutlich entfalten.

Gleichzeitig herrscht Jupiter über das Zeichen Schütze, das bei Tina Turner im sechsten Haus liegt. Dort steht Venus, die wiederum Herrscherin ihres vierten Hauses ist. So greifen verschiedene Lebensthemen ineinander: Alltag und Lebensbewältigung, Heimat und innere Sicherheit, aber auch Religion und Spiritualität.

Und tatsächlich geschah gleich zu Beginn dieser Dasha etwas, das für ihr weiteres Leben von großer Bedeutung wurde: 1973 wandte sich Tina Turner dem Buddhismus zu. Später erzählte sie immer wieder, wie viel Kraft und inneren Frieden ihr ihre buddhistische Praxis und insbesondere das Rezitieren von Mantras gegeben hatten.

Gerade an diesem Beispiel lässt sich erkennen, dass in einem Horoskop die einzelnen Faktoren nicht isoliert nebeneinanderstehen. Planeten, Häuser und Zeichen sind miteinander verbunden – und erst aus ihrem Zusammenspiel entsteht das individuelle Bild.

Natürlich lässt sich ein ganzes Leben nicht aus den Dashas allein erklären. Dafür braucht es das vollständige Geburtshoroskop mit seinen Häusern, Zeichen, Planetenstellungen und Verbindungen. Die Dashas geben uns jedoch einen faszinierenden Einblick darin, wann bestimmte Themen unseres Horoskops besonders in den Vordergrund treten können.

Nachdem es in der ersten Folge um die großen Zyklen des Lebens und in dieser zweiten Folge um den individuellen Rhythmus der Dashas ging, richten wir den Blick in der nächsten Folge auf die neun Planeten der vedischen Astrologie: Welche unterschiedlichen Kräfte verkörpern sie, wie prägen sie unser Leben – und wie stehen wir mit ihnen in Resonanz?

Interesse an vedischer Astrologie?

Weitere Informationen zum persönlichen Geburtshoroskop und zur Berechnung der aktuellen Dasha-Phase stehen auf der Seite Vedische Astrologie zur Verfügung. Eine Einführung in das vedische Horoskopdiagramm erklärt außerdem, wie ein solches Horoskop aufgebaut ist und gelesen wird.

Bilder: Elisabeth Hastrup-Kiil mit ChatGPT