Wie wird aus dem unsichtbaren Raum die sichtbare Welt? Die altindische Philosophie beschreibt die Entstehung der Materie als eine stufenweise Verdichtung: Aus dem reinen Sein entfalten sich Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde. Die dritte Folge unseres Feuilletons über das altindische Verständnis von Zeit und Raum folgt diesem Weg und zeigt, wie aus den fünf Elementen schließlich die Welt entsteht, die wir wahrnehmen und bewohnen.
Was war am Anfang? Wie ist das Universum entstanden – und was war davor? Diese Fragen beschäftigen die Menschen seit jeher.
Im Johannesevangelium heißt es: „Im Anfang war das Wort.“ In der vedischen Tradition könnte man sagen: Am Anfang war eine Schwingung – OM. Und in der Chandogya-Upanishad heißt es sinngemäß: „Am Anfang war Sat, das Sein – das Eine ohne ein Zweites.“
Aus diesem ursprünglichen Sein entwickelte sich nach und nach das Universum, in dem wir heute auf der Erde leben. Die vedische Tradition beschreibt diesen Weg als eine Entfaltung in fünf Stufen:
Am Anfang steht Akasha – Raum, Äther oder Bewusstseinsraum. Mit ihm entstehen Ausdehnung und die erste wahrnehmbare Schwingung: der Klang. Aus Akasha geht Vayu, die Luft, hervor – und mit ihr die Bewegung. Daraus entsteht Agni, das Feuer: Die Bewegung wird sichtbar, nimmt Form und Farbe an und bringt Wärme hervor. Durch weitere Verdichtung entsteht Apas, das Wasser. Es verbindet, nimmt auf und vermittelt. Schließlich entsteht Prithvi, die Erde: das Feste, Beständige und stofflich Greifbare.
So führt der Weg vom Unsichtbaren zum Sichtbaren, von der Schwingung zur Form und vom Raum zur Materie.
Die Tattvas und unsere Wahrnehmung
Diese fünf Stufen beschreiben jedoch nicht nur einen Prozess der Entstehung. Die Elemente werden zugleich als Tattvas verstanden – als grundlegende Wirkprinzipien, aus denen sich alles in unterschiedlichen Kombinationen zusammensetzt: Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde.
Auch unsere fünf Sinne stehen in diesem Modell mit den Elementen in Verbindung: mit der Fähigkeit zu hören, zu tasten, zu sehen, zu schmecken und zu riechen. Vereinfacht gesagt, entsteht unser Bild von der Welt aus dem Zusammenspiel der Eindrücke, die wir durch unsere fünf Sinne aufnehmen.
Während die moderne Chemie die stoffliche Welt mithilfe des Periodensystems sowie durch Atome und Moleküle beschreibt, führt das vedische Modell ihre Vielfalt auf fünf grundlegende Prinzipien zurück. Dabei geht es nicht nur um die Frage, woraus die Dinge bestehen, sondern auch darum, wie sie wirken und von uns wahrgenommen werden. Es handelt sich also nicht um eine frühe Form der Chemie, sondern um eine andere Art, die Welt zu ordnen und zu verstehen.
Vom kosmischen Raum zur menschlichen Behausung
Wir Menschen haben seit jeher das Bedürfnis, Räume zu schaffen, zu gestalten und zu bewohnen. Der große äußere Raum – das Universum – ist für uns kaum fassbar. Deshalb brauchen wir kleinere, begrenzte Räume, die uns vor dem Wetter und anderen Gefahren schützen. Spätestens für den Schlaf benötigen wir eine warme, trockene und sichere Unterkunft.
Wie ursprünglich dieses Bedürfnis ist, zeigt bereits ein Hymnus im siebten Buch des Rigveda. Dort wird beschrieben, wie Vater und Mutter, Verwandte und alle Menschen ringsum zur Ruhe kommen sollen. Der Hund bewacht das Haus und hält Diebe und Räuber fern. Zugleich wird Vastospati, der Hüter der Wohnstätte, angerufen: Er soll Krankheiten vertreiben und das Haus zu einem geschützten Ort machen, an dem seine Bewohner ungestört schlafen können.
Dies ist eine der frühesten Erwähnungen einer geschützten Wohnstätte in der vedischen Literatur.
Die Entstehung der Vastu-Shastras
Viele Jahrhunderte später entstanden die Vastu-Shastras – Lehrwerke über Architektur, Baukunst und die räumliche Ordnung von Gebäuden und Siedlungen.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Planung von Tempeln. Die Texte beschreiben günstige Ausrichtungen nach den Himmelsrichtungen, Maße und Proportionen sowie die Anordnung von Eingängen, Säulen, Altären und anderen Bauelementen. Daneben finden sich auch ausführliche Regeln für den Bau von Palästen, Städten, Dörfern und Wohnhäusern.
Ein bekanntes späteres Beispiel ist die 1727 gegründete Stadt Jaipur in Indien. Ihr rasterförmiger Grundriss wurde von den Planungsprinzipien des Vastu-Shastra geprägt. Auch die breiten Straßen, großen Plätze und einheitlich gestalteten Fassaden der Altstadt zeugen von dieser sorgfältigen Planung.
Als Grundlage der Planung diente häufig das Vastu-Purusha-Mandala (siehe Abbildung)
ein quadratisches Raster, mit dessen Hilfe eine Fläche gegliedert und bestimmten Kräften, Funktionen und Himmelsrichtungen zugeordnet wurde. Die überlieferten Maßsysteme umfassten dabei sowohl kleinste Einheiten als auch große Entfernungen und ließen sich dadurch auf Flächen ganz unterschiedlicher Größenordnung anwenden.
Die Elemente im Grundriss
Für die verschiedenen Formen der Flächennutzung gelten dieselben grundlegenden Prinzipien, die uns zu den fünf Elementen zurückführen. Im Vastu werden die vier Nebenhimmelsrichtungen und die Mitte bestimmten Elementen zugeordnet: Im Nordosten wirken Wasser und Äther, im Südosten Feuer, im Südwesten Erde und im Nordwesten Luft. Äther prägt zugleich das Zentrum des Hauses – den Brahmasthana – und steht dort für Offenheit, Weite und freien Raum.
Soll ein Haus nach den Kriterien des Vastu geplant werden, wird beispielsweise die Küche bevorzugt im Südosten angeordnet, da dieser Bereich dem Feuer zugeordnet ist. Der Südwesten gilt als der schwerste und stabilste Teil des Hauses und eignet sich daher besonders für das Hauptschlafzimmer oder einen Lagerraum. Im Nordwesten, dem Bereich der Bewegung und Veränderung, können Gäste- oder Kinderzimmer liegen. Der lichte Nordosten bietet sich für einen Meditationsraum, ein Studierzimmer oder einen ruhigen Wohnbereich an.
Bäder und Toiletten werden vorzugsweise im Westen, Nordwesten oder Süden angeordnet. Die Mitte des Hauses sollte möglichst frei, offen und lichtdurchflutet bleiben – ähnlich dem Innenhof traditioneller indischer Häuser.
Die persönliche Ebene des Vastu
Die bisher beschriebenen Prinzipien bilden zunächst die allgemeine Grundlage des Vastu. Darüber hinaus gibt es eine zweite, persönliche Ebene, durch die diese Vorgaben für die einzelnen Bewohner differenziert werden können.
Nach vedischem Verständnis besitzt jeder Mensch – wie alles Lebendige – eine eigene Zusammensetzung der Tattvas. Man könnte dabei an ein individuelles Grundmuster denken, das bei jedem Menschen etwas anders ausgeprägt ist. Deshalb werden die Himmelsrichtungen nicht nur nach ihren allgemeinen Eigenschaften betrachtet, sondern zusätzlich danach, wie sie mit dem einzelnen Bewohner verbunden sind.
Die allgemeinen Zuordnungen bleiben dabei bestehen: Der Südosten ist weiterhin mit dem Feuer verbunden, der Südwesten mit Stabilität, der Nordwesten mit Bewegung und der Nordosten mit Offenheit und Klarheit. Die persönliche Betrachtung ergänzt diese Grundordnung und kann beispielsweise Hinweise darauf geben, welcher Bewohner in welchem Bereich besonders gut arbeiten, lernen, schlafen oder sich erholen kann.
Auch innerhalb eines bereits vorhandenen Grundrisses lässt sich so genauer untersuchen, wie die Räume verteilt und genutzt werden können. Vielleicht eignet sich eines von mehreren Zimmern für eine bestimmte Person besonders gut als Homeoffice, während ein anderes Schlafzimmer einen ruhigeren und erholsameren Schlaf unterstützt. Auf diese Weise werden die allgemeinen Regeln nicht verändert, sondern an die Menschen angepasst, die in dem Haus oder der Wohnung leben.
In der hier beschriebenen Vastu-Methode wird diese persönliche Beziehung zum Grundriss und zu den Himmelsrichtungen aus dem Geburtszeitpunkt abgeleitet. Dazu betrachtet man im Geburtshoroskop die Stellung des Mondes: In welchem Nakshatra, also Mondhaus, befindet er sich, und in welchem Pada, dem jeweiligen Viertel dieses Mondhauses? Die Nakshatras und ihre Padas sind bestimmten planetarischen Qualitäten zugeordnet. Daraus entsteht ein individuelles Muster, das Hinweise darauf geben soll, welche Bereiche und Himmelsrichtungen einen Bewohner bei verschiedenen Tätigkeiten besonders unterstützen.
Wie bei den Lebensabschnitten, die in den vorherigen Folgen beschrieben wurden, unterscheidet die vedische Tradition also auch bei der Gestaltung von Räumen zwischen allgemeinen Prinzipien und persönlichen Zuordnungen. Zusammengenommen ermöglichen beide Ebenen eine differenzierte Planung, die sowohl den Eigenschaften des Raumes als auch den Bedürfnissen seiner Bewohner Rechnung trägt.
Zurück zum Kosmos
So führt uns der Weg dieses Beitrags in einem großen Bogen vom kosmischen Raum über die Entstehung der Materie bis in unsere Häuser und Wohnungen – und von dort wieder hinaus zum Himmel. Was auf den ersten Blick getrennt erscheint – Raum und Zeit, Mensch und Natur, Wohnen und Kosmos –, gehört im vedischen Denken zu einem großen Zusammenhang.
Die Erde und die anderen Planeten bewegen sich um die Sonne, während der Mond die Erde umkreist. Aus der Beobachtung dieser regelmäßigen Bewegungen entwickelte sich in Indien ein komplexes System, das zeitliche Rhythmen, menschliche Erfahrungen und die Gestaltung von Räumen miteinander verbindet.
Vielleicht liegt darin bis heute die besondere Faszination dieses alten Denkmodells: Der Raum, in dem wir leben, endet nicht an unseren Wänden. Er ist Teil eines viel größeren Ganzen – und zugleich ein Raum, mit dem wir selbst in Resonanz stehen.
Welche Bedeutungen den einzelnen Planeten in diesem System zugeschrieben werden, welche Lebensbereiche sie verkörpern und welche Rolle sie im Vastu spielen, betrachten wir in der nächsten Folge.
Nachdem es in der ersten Folge um die großen Zyklen des Lebens und in der zweiten Folge um zweiten Folge um den individuellen Rhythmus der Dashas ging, richten wir den Blick in der nächsten Folge auf die neun Planeten der vedischen Astrologie: Welche unterschiedlichen Kräfte verkörpern sie, wie prägen sie unser Leben – und wie stehen wir mit ihnen in Resonanz?
Interesse an vedischer Astrologie?
Weitere Informationen zum persönlichen Geburtshoroskop und zur Berechnung der aktuellen Dasha-Phase stehen auf der Seite Vedische Astrologie zur Verfügung. Eine Einführung in das vedische Horoskopdiagramm erklärt außerdem, wie ein solches Horoskop aufgebaut ist und gelesen wird.